Zwei aktive Gebärdendolmetscher*innen mit dem Rücken zum grünen Rasen und mit Blick in den Fanblock.

Rund 7,3 Millionen Menschen in Deutschland sind hochgradig schwerhörig, weitere 80.000 sind gehörlos. Im Fußball in Deutschland sind bereits heute über 1.000 gehörlose und hörbehinderte Fans im Deutschen Dachverband der Deaf Fanclubs organisiert.  

Passend zum heutigen Internationalen Tag der Gebärdensprache blicken wir beispielhaft auf die Aktivitäten im deutschen Profifußball. In welchen Feldern sind Vereine bereits aktiv? Welche Möglichkeiten gibt es über den aktuellen Status Quo hinaus zur Teilhabe von Fußballfans mit Hörbehinderung? 

Emotionale Momente in Gebärdensprache schon vor dem Anpfiff 

Gleich mehrere Clubs sind mittlerweile dazu übergegangen, die Gebärden zu den Namen der eigenen Spieler*innen bekannt zu machen. Beim DFB gibt es Gebärden der Nationalelf als gedrucktes Poster, der BVB veröffentlicht die Gebärdennamen der Spieler als Videos zum Nachlernen auf der Vereinswebseite. Beim VfB Stuttgart oder dem FC St. Pauli werden die Gebärdennamen direkt mit der Aufstellung auf der Anzeigetafel eingespielt.  

Dazu ein Beispielvideo der Spielernamen in Deutscher Gebärdensprache (DGS) des VfB.

Der SV Darmstadt wiederum spielt vor jedem Heimspiel die eigene Vereinshymne mit Gebärdensprach-Verdolmetschung auf der Videoleinwand ein:

Gehörlose Menschen im gesamten Stadion können so an diesen wichtigen Spieltagsritualen wie der Teamaufstellung teilhaben. Gleichzeitig werden aber durch die Einblendung der Gebärden auch alle hörenden Fans für das Thema sensibilisiert. 

Während des Spiels und in der Halbzeit 

Zahlreiche Bundesliga-Standorte haben spezielle Sitzplatzbereiche für Menschen, die auf Gebärdensprache angewiesen sind. Dies geschah in der Regel auf Wunsch der gehörlosen Zuschauer*innen selbst. Auch Gästefans mit entsprechendem Zugangsbedarf werden dort platziert. In diesen Bereichen gibt es im Block Dolmetscher*innen für DGS, die Stadionansagen oder Fangesänge übersetzen.  

An mehreren Bundesliga-Standorten werden darüber hinaus Geräte verteilt. Diese Geräte geben beispielsweise mit einem Vibrationsalarm bekannt, dass nun eine Ankündigung durch die Dolmetscher*innen erfolgt. Bei Bayern München gibt es statt DGS-Dolmetscher*innen spezielle Brillen für die gehörlosen Fans, in die Live-Untertitel eingeblendet werden.  

RB Leipzig geht noch einen Schritt weiter und zeigt gleich die ganze Live-Übertragung des RB-Stadionprogramms in Gebärdensprache auf der Anzeigetafel. Dadurch können gehörlose Fans das Programm aus allen Stadionbereichen verfolgen, egal ob sie im Stehplatz-, VIP-Bereich oder im Gästeblock sein wollen.  

Was aber ist mit der Essens- und Getränkebestellung am Kiosk? Die TSG Hoffenheim setzt hier auf eine ausliegende Speise- und Getränkekarte an den Kiosken, die eine Bestellung nur durch Fingerzeigen ermöglicht. Beim FC Bayern kann das Menü zusätzlich per QR-Code auf das Smartphone geladen werden. Bei Borussia Dortmund und RB Leipzig gibt es am Verpflegungsstand in unmittelbarer Nähe zum sogenannten „Gehörlosenblock“ zudem mindestens eine*n Mitarbeiter*in, der*die die Deutsche Gebärdensprache beherrscht. 

Über den Spieltag hinaus 

Auch außerhalb des eigentlichen Spieltags haben sich bereits einige Vereine auf den Weg gemacht, Angebote in Gebärdensprache voranzutreiben. 

So werden mittlerweile viele Mitgliederversammlungen der Vereine der Bundesliga und 2. Bundesliga mit Live-Verdolmetschung in Gebärdensprache angeboten. Dies gewährleistet die selbstbestimmte Teilhabe gehörloser Menschen an demokratischen Prozessen in ihren Vereinen. Diese Mitbestimmung wäre ihnen sonst schlicht unmöglich.  

Aber auch Stadion- und Museumsführungen lassen sich, wie zum Beispiel beim Hamburger SV, ebenfalls in Gebärdensprache durchführen. Die Eintracht aus Frankfurt bietet Online-Gebärdensprachkurse an, ebenso die Fanabteilung des BVB gemeinsam mit dem Fanprojekt. Dadurch wächst auch die Anzahl an Fans und Stadionpersonal, die in Gebärdensprache kommunizieren können. Ziel ist es, dass sich auch immer mehr hörende Menschen künftig eigenständig am Spieltag mit gehörlosen Menschen verständigen können. 

Vorbild in Europa, Ansporn für die Zukunft 

Diese vielen, hier nur beispielhaft dargestellten, Angebote haben die Bundesliga beim Engagement für gehörlose Fußballanhänger*innen zum Vorbild für ganz Europa gemacht. Aktuell gibt es kein Fußballland, welches mehr für diese Zielgruppe unternimmt. Und es wirkt: Immer mehr gehörlose Menschen zieht es als Fans in die Stadien und es entstehen immer mehr neue Deaf Fanclubs. 

Gleichzeitig lassen die vielerorts unterschiedlichen Angebote noch viel Spielraum für Verbesserung, aber für auch Nachahmungen durch weitere Fußballclubs aus Deutschland. Wird dieses Entwicklungspotenzial von den Clubs in Zukunft genutzt, kann der Profifußball ein starkes Signal für Inklusion hörbehinderter Menschen in der Gesellschaft insgesamt senden.  

Eines ist sicher: Davon würden auch viele weitere Fans, ob gehörlos oder nicht, profitieren.  

Daniela Wurbs, Projektleiterin von KickIn! – Beratungsstelle für Inklusion im Fußball der BBAG, erklärt dazu: “Es gibt schon einige tolle Aktivitäten für hörbehinderte Fußballfans in Deutschland. Angesichts des Wachstums dieser Zielgruppen und einer alternden Gesellschaft wird ihre Bedeutung künftig noch wichtiger werden. Auch im internationalen Vergleich gibt es Luft nach oben – daher: warum nicht künftig Pressekonferenzen nach dem Spiel mit Live-Verdolmetschung anbieten? Und warum nicht gleich standardmäßig Live-Untertitel auf der Stadionleinwand einblenden? So wäre für die einen mehr Wahlfreiheit und Teilhabe gesichert, aber für alle Fußballfans eine wertvolle Unterstützung am Spieltag geschaffen!“